Netzwerkvisualisierung: der intellektuelle Social Graph des 18. Jahrhunderts

350 wissenschaftlich-literarische Zeitschriften des 18. Jahrhunderts im Überblick.

Ich bin vor einiger Zeit im Zuge eines anderen Projekts auf eine Reihe digitalisierter Zeitschriftenarchive gestoßen: Anno, eine Plattform der Österreichischen Nationalbibliothek, digitalisiert Zeitungen und Zeitschriften und reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück. Das Gelehrte Zeitschriften-Projekt der Akademie der Wissenschaften Göttingen läuft in mehreren Phasen seit den z0er Jahren und katalogisiert frühe wissenschaftliche und literarische Zeitschriften; eine Initiative der Universität Bielefeld unterstützt bei der Digitalisierung.

Den Beginn wissenschaftlicher Zeitschriften im deutschen Sprachraum setzen ForscherInnen 1688 mit dem Erscheinen der Monatsgespräche von Christian Thomasius an. “Philosophical Transactions” in England und “Journal des Scavants” in Frankreich erschienen einige Jahre früher.

Es gibt also jede Menge Quellen, um sich mit frühen wissenschaftlichen Zeitschriften zu beschäftigen. Einige Publikationen* beschäftigen sich auch mit sozialen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Zeitschriftenproduktion. Was allerdings fehlt, ist ein praktikabler Überblick über die Fülle an Publikationen: Welche Zeitschriften erschienen wann wo? Wer gab sie heraus, welche Herausgeber arbeiteten mit welchen Verlegern zusammen? Wer – von den vielleicht unbekannteren Namen – war zu seiner Zeit mit den Großen im Rudel, wer war immer schon ein Außenseiter? Wer arbeitete zur gleichen Zeit mit den gleichen Verlegern zusammen? Wieviele Zeitschriften gaben Lessing oder Gottsched heraus? Und wann kam Friedrich Schiller darauf, Frauenzeitschriften herauszugeben?

Die Informationen sind vorhanden. Aber sie sind nicht in handlicher Form zusammengestellt. Ich habe verschiedene Quellen abgegrast,  Informationen ergänzt, ein bisschen experimentiert – und als eine erste Version gibt es jetzt dieses handliche Netzwerk. (Details zum Making Of gibt es bei dataanalyst).

Das Netzwerk macht deutlich, wie sehr sich das Publikationsgeschehen auf einige Städte konzentrierte, wie gut vernetzt einige Personen waren (etwa Friedrich Nicolai oder Moses Mendelssohn) und wie isoliert andere waren, trotz intensiver Publikationstätigkeit (etwa Leopold Alois Hoffmann mit seiner Wiener Zeitschrift, um den es hier an anderer Stelle (im Podcast und im Journal Ahnungslos im Zusammenhang mit grantigen Aufklärern geht.)

Einzelkämpfer zu sein war allerdings offenbar kein Manko – vor allem in der Frühphase arbeiteten viele Herausgeber allein.

Einige, wie Schiller oder Wieland, entdeckten Frauenzeitschriften als Geschäftsmodell für sich, Frauen als Herausgeberinnen blieben allerdings eine Seltenheit. Sophie von La Roche ist aktuell die einzige Herausgeberin, Luise Adelgund Victorie Gottsched arbeitete als Redakteurin für einige Publikationen.

Das Netzwerk kann durchsurft, durchscrollt oder durchsucht werden und jede Zeitschrift ist mit ihrer digitalisierten Version verlinkt und kann also auch gelesen werden – und vielleicht erweitere ich es auch noch um JournalistInnen und RedakteurInnen, die jetzt nur beispielhaft bei einigen Testfällen integriert sind.

Und nachdem es die Daten jetzt auch in befragbaren Datenbankformaten gibt (mysql, neo4j), wird es bald auch noch neue Interfaces zum Testen und Experimentieren geben.

>> zum Zeitschriftennetzwerk

* Literatur zu Zeitschriften des 18. Jahrhunderts:

  • Wilke, Jürgen. Literarische Zeitschriften des 18. Jahrhunderts (1688-1789). Teil I: Grundlegung. Stuttgart: Metzler, 1978.
  • Wilke, Jürgen. Literarische Zeitschriften des 18. Jahrhunderts (1688-1789). Teil II: Repertorium. Stuttgart: Metzler, 1978.
  • Schock, Flemming. Polyhistorismus und Buntschriftstellerei. Populäre Wissensformen und Wissenskultur in der frühen Neuzeit. Berlin/Boston: De Gruyter, 2012.
  • Schock, Flemming, und Claire Gantet, Hrsg. Zeitschriften, Journalismus und gelehrte Kommunikation im 18. Jahrhundert. Bremen: edition lumière, 2014.